Meine Geschichte mit der Magersucht 05

Ich saß manchmal stundenlang auf meinen Stuhl vor dem Computer oder lag im Bett und weinte. Ich heulte mir die Seele aus dem Leib, keiner hörte es, denn ich weinte ohne einen Ton von mir zu geben. Ich weinte manchmal Stunden lang, es war dunkel in meinem Zimmer, ich verschwand unter der Decke und weinte, weinte und weinte ohne auch nur an irgendwas zu denken. Meine Mutter dachte ich schlief, wenn sie mal in mein Zimmer reinschaute, wenn sie doch nur wüsste... In solchen Momenten, wo sie kurz in mein Zimmer spinzelte, überkam mich die Wut, dass sie einfach in mein Zimmer rein geht und dann wiederum auch Sehnsucht, Sehnsucht nach ihr, ihrer Liebe, die ich schon so lange schon blockte und vermisste. Ich hielt kurz die Luft an, wurde emotionslos und dann, von der einen Sekunde auf die andere, heulte ich wieder endlos. Dieser Schmerz der sich nächtlich in meinem Herz ausbreitete, kam wie aus dem nichts und ging auch wieder ins nichts. Mit jeder Träne die fiel, spürte ich, wie ich immer mehr an Gewicht verlor, wie ich immer mehr Wasser verlor und austrocknete. Manchmal wurde der Schmerz so unerträglich stark, dass ich keine andere Wahl hatte, als mir selber Wunden zuzufügen. Es war wie eine Therapie für mich selbst, es übertrug die seelischen Schmerzen zu körperlichen. Ich heulte ohne es beeinflussen zu können. Ich ging auf Toilette und musste weinen, ich rauchte eine Zigarette und musste noch mehr weinen, ich tat mir selber weh, die Tränen ließen nicht nach, ich knabberte an einer Salzstange, der Schmerz im Herzen wurde nur noch größer, egal was ich tat. Ich wurde Nacht für Nacht immer depressiver, ich kam immer mehr auf Suizidgedanken. Hatte Abend für Abend immer weniger den drang am nächsten Morgen aufzuwachen und weiter zu kämpfen. Ich wusste gar nicht mehr womit ich kämpfte, ob es der Kampf um's Leben ist, ob's der Kampf mit der Essstörung ist oder der Kampf gegen mich selbst. Ich verlor immer mehr den halt, das was mich mal hielt, hielt mich nur noch knapp am Leben. Ich war abgeschottet von allem und jedem, habe mit niemanden mehr gesprochen. Mein Tag bestand nur noch daraus, in die Schule zu gehen, nachhause zu kommen, mich einzusperren und den ganzen Tag zu überleben. Ich wollte nicht mehr Leben, ich hatte keine Lust mehr auf diesen Schmerz, keine Lust mehr drauf alleine zu sein, keine Lust mehr, gar keine Kraft mehr. Doch ich habe mich nie getraut mir wirklich ernsthaft weh zu tun, ich schnitt nie zu tief in mein Fleisch, einige Narben sieht man heute noch aber die meisten sind verblasst.

18.10.14 13:31, kommentieren

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Meine Geschichte mit der Magersucht 06

Früh habe ich schon angefangen Tabletten zu nehmen. Fettbinder. Appetitzügler, Kohlenhydratblocker, Abführmittel und Multivitaminpräparate. Am meisten haben mich die Abführmittel zerstört, denn ich habe ein oder zwei Tabletten genommen, auch wenn ich nur einen kleinen Teller Salat zu mir genommen habe. Keine zwanzig bis dreißig Minuten nach der Einnahme fing es schon an in meinem Magen zu blubbern, gurren und schmerzen. Ich wollte nur noch auf die Toilette und manchmal hat es mich dort bis zu einer halben Stunde festgehalten, weil ich wegen dem Schmerz nicht aufstehen konnte. Ich habe mein Verdauungssystem so krass kaputt damit gemacht, dass ich damals nicht mal einen Apfel essen konnte, ohne mich scheiße zu fühlen, Bauchschmerzen zu bekommen und Verstopfung. Süßigkeiten, Snacks und Co. haben schon längst die Rolle in meinem Leben verloren. Ich ernährte mich nur noch von Salat und Suppen. Suppen die unter 60 Kalorien pro Teller, also pro 300 ml. Manchmal aß ich nur so eine ganze Tütensuppe am Tag, 750ml, keine 200 Kalorien. Irgendwann im Sommer konnte ich im Pullover in der Klasse sitzen, ohne dass es mir warm wurde, wo im Gegensatz meine Mitschüler halbnackt mit Ventilatoren, schwitzend in der Klasse saßen. Zwar konnte ich keine Stunde mehr auf meinem knochigen Hintern still sitzen und sah schwarz vor Augen sobald ich mich zu schnell bewegte, aber das war es mir Wert. Dann, nach langem warten, kämpfen, heulen und schmerzen, kam der Tag wovon ich glaube, darauf gewartet zu haben, denn der Mitschüler, der mich damals Fett nannte, hat mich mit entsetzten Augen angeschaut und mit hektischen Gesten herumgewirbelt und mir vorgeworfen, wie dünn ich doch sei, ich nur noch Haut und Knochen wäre. Das hat mich verdammt stolz gemacht, das war für mich wie ein Triumph, eine Bestätigung, jemanden gezeigt zu haben, dass ich auch komplett anders kann. Doch dies hatte einen kleinen negativen Wandel, denn ab dem Tag hat er es mir jeden Tag unter die Nase gerieben.

20.10.14 20:16, kommentieren