Meine Geschichte mit der Magersucht 02

Was nach dem Tag passierte, wo der Klassenkamerad mich Fett genannt hat, weiß ich nicht mehr. Die Gedanken, meine Reaktion, die Reaktion der anderen.
Ich weiß nicht mehr wie es anfing, ich weiß nur, dass ich beschloss abzunehmen, mich auf sämtlichen Seiten informiert habe, wie man abnimmt, welche Diäten es gibt, was für Lebensmittel zu empfehlen sind, dass Sport sehr wichtig ist, man seinen BMI ausrechnen sollte, um zu erfahren wo man steht, ich habe ausgerechnet welchen Kalorien Gesamtbedarf ich habe, habe dadurch auch erfahren, dass, wenn ich mehr Sport mache, so auch mehr verbrenne, somit mehr abnehme … und das wollte ich ja.

Zu gerne würde ich mich an den Tag erinnern, wo ich mich zum ersten Mal mit meinem Körper auseinandergesetzt habe, wo ich mir gestanden habe, dass ich dick bin.
Ich wog locker über 67 Kilogramm in dem Moment, an das kann ich mich wirklich erinnern, von diesem Lebensabschnitt habe ich noch Fotos, wie dick ich war, das waren bestimmt über 68 Kilogramm. Schlimm. Wenn nicht über 70..

Ich habe offen mit meiner Mutter über dieses Thema gesprochen, dass ich mich dick fühlte, anfangen möchte mit dem Joggen und ab heute auf meine Ernährung zu achten.
Wie typisch für eine Mutter hat sie das natürlich bestritten, dass ich dick bin und so was nicht nötig habe... aber ich wusste, dass ich es nötig habe.
Alle aus meiner Familie waren dicker, also würde ich auch dick sein, wenn ich jetzt nichts machen würde.
Gesagt, getan.
Ganz vage kann ich mich daran erinnern, wie ich anfing einige Joggingpläne herauszusuchen und die richtigen Gymnastikübungen vor dem laufen. Dann war es soweit, der erste Tag wo ich laufen war, war katastrophal, das kann ich mir so gut ausmalen, immerhin hab ich davor nie gezielt gejoggt, nur so aus Spaß mit Freunden getobt.
Ich hielt die Zyklen ein, paar Minuten laufen, paar Minuten gehen, paar Minuten laufen, paar Minuten gehen und immer so weiter. Keine Ahnung wie viel ich geschafft habe, aber ich bin regelmäßig gelaufen.
Nach dem ersten Tag joggen habe ich mich so verdammt gut gefühlt, ich war voller Glückshormone gepumpt, voller Motivation. Ich habe immer mehr darüber gelesen, wie man am besten abnimmt.

In dieser Lebensphase hatte ich zwei beste Freundinnen.
Eine, die N., die von klein auf immer super schlank war, egal was sie gegessen hat, sie nahm nie zu, die hatte echt die Figur wie auf den typischen Thinspobildern.
Und einmal die D., sie war auch schlanker als ich, aber hatte zwei typische Problemzonen, wie sie immer meinte, die Hüften und der Babyspeck.

Bei der D. Habe ich sehr sehr oft übernachtet, wir haben uns immer alles erzählt, haben jedes Wochenende Horror/Thriller/Psychofilme geguckt, davor waren wir aber immer einkaufen, etwas zum naschen und knabbern, ein bisschen sehr viel... Hanuta, Smarties, Duplo, Chips, Nachos, Dips, verschiedene Haribo Sorten, Cookies, Cola, Cola und noch mehr Cola, damit wir auch ja drei Filme durch gucken können, Schokolade mit Nuss, Rosinen und noch anderes. Und jeder eine Schachtel Zigaretten. Dies alles haben wir an einem Abend wie wild durcheinander gegessen, vieles blieb an nächsten Morgen noch übrig, dann ging's aus Lust und Laune weiter, haben jeder fast die ganze Schachtel Zigaretten geraucht und ein Liter Cola.
Hach ja, das waren Zeiten...

Ich weiß nicht mehr genau den richtigen Ablauf, ich kann mich nur noch an viele verschiedene Situationen erinnern, wie zum Beispiel, als ich schon gut in der Bulimiephase war und D. Mit wieder zum „Fettsack-Abend“ ( so nannten wir die Filmabende ) eingeladen hat, habe ich manchmal sogar heimlich in ihrer Toilette alles erbrochen.
Habe extra viel Süßes gegessen, damit sie ja kein Verdacht schöpft, viel Wasser und Cola getrunken, manchmal auch Tee, damit die Lebensmittel in meinem Bauch gut vermischt werden und ich es nachher leichter habe zu erbrechen. Ich habe gewartet bis sie fast schlief, bin in das WC gegangen und habe erbrochen. Wie oft, weiß ich nicht, oft.
Wasser, erbrechen, Wasser trinken, erbrechen, noch mehr Wasser trinken, den Rest erbrechen, Hauptsache jeder einzelne verfickte Chip oder Stück Schokolade ist raus aus meinem Magen. Eine Zigarette und schlafen. Nächster Tag, D. War schon länger wach, bereitete das Familienfrühstück vor, ich lag noch was im Bett, wollte nur noch nachhause und nichts Frühstücken, immerhin habe ich mich schlimm genug von letzter Nacht gefühlt.
Sie rief mich an den Tisch, alle saßen schon, ich kam dazu und nippte erst am türkischen Tee, nahm dann ein Brötchen und aß es so langsam ich konnte, schnitt es erst in zwei Hälften und dann nochmal jede Hälfte in 2 oder manchmal auch 4, aß jedes Stück Brot mit was anderem belegt, so dass es möglichst vielseitig aussah.
An manchen Tagen, wenn wir den Fettsack-Abend geschafft haben, habe ich sogar am nächsten Morgen süßes weiter gegessen, gedankenlos, manchmal habe ich es auch nicht übers Herz gebracht mich am Abend bei ihr zu übergeben, manchmal ging ich auch schon einfach vor dem Frühstück nachhause, mit einer Ausrede. Kam dann zuhause an, erbrach entweder das ganze Frühstück mit dem Süßen, aß gar nichts, weil ich am Abend zuvor nicht erbrochen habe oder aß zuhause nochmal was um im Nachhinein alles zu erbrechen.
Nach paar Monaten hatte ich immer Ausreden dafür, warum ich am Wochenende keine Zeit hätte, warum ich keine Fettsack-Abende mehr machen konnte.

In der tiefen Phase meiner Magersucht war sie die einzige die nichts gesagt hat, sie hat mich einfach gelassen, hat mich nicht gezwungen zu essen oder mich darauf angesprochen.
Irgendwann, nach einem oder zwei Jahren oder so hatten wir uns zerstritten, für immer, nach 6 oder 7 Jahren Freundschaft.
Das zum Thema D. im Zusammenhang meiner Essstörung.

Dann gibt es noch die N., mit der ich immer noch befreundet bin, sehr gut sogar, und das schon seit der dritten Klasse, gute 10 Jahre schon fast.
Da ich so selten wie Möglich zuhause sein wollte, war ich immer bei ihr oder D., Hauptsache kein Essen in der Nähe, woran ich mich vergehen kann. Oft habe ich auch zu Abend bei N. gegessen aber das hat sich auch irgendwann so eingestellt, dass ich mich damit raus geredet habe, dass ich entweder schon zuhause gegessen habe oder keinen Hunger hatte. Wir waren fast jeden Tag draußen, ob Regen, Schnee oder Gewitter, Hauptsache ich mich bewegen und Kalorien verbrennen konnte.
N. war schon immer sehr schlank, untergewichtig aber schlank, zierlich, dünn.
Oft habe ich sie heimlich begutachtet und mir vorgenommen, dass ich irgendwann dünner sein werde wie sie. Das habe ich mir fest vorgenommen.
In manchen Phasen war ich Grundlos sauer auf sie, aber nicht offensichtlich, sondern gedanklich, weil ich dachte, dass sie auch eine Essstörung vor mir verbirgt, schon seit Jahren, es mir aber nie sagt. So war es aber nicht, sie ist von Natur aus schlank, dünn.

7.10.14 13:25

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