Meine Geschichte mit der Magersucht 04

Alle Symptome des Untergewichts wurden Alltag für mich. Morgens stand ich auf, zu aller erst überfiel mich ein Schwindel, mir wurde schwarz vor Augen, doch ich ignorierte es, denn ich kannte meine Wohnung mit verbundenen Augen auswendig. Ich schlief jeden Abend mit offenem Fenster, selbst im Winter, deswegen war der Morgen für mich, als würde ich mich nackt im Schnee walzen. Ich schloss das Fenster, drehte die Heizung auf, zog mir fünf Pullover an und drei Socken, ging in die Küche und warf den Wasserkocher an. In der Zeit wo das Wasser aufkochte, ging ich ins Bad, drehte das heiße Wasser auf und hielt mindestens fünf Minuten meine Hände darunter, putzte mir die Zähne, betrachtete mich im Spiegel, begutachtete mein Fett, auch wenn ich fast nur noch aus Haut und Knochen bestand. Meine blauen Lippen, blauen Hände, rote Nase, eingefallenen Augenlider, überall blaue und lilafarbene Venen auf meiner Haut, die Schlüsselknochen die in jeder Position zu sehen waren. Ich atmete nochmal tief den warmen Dampf vom heißen Wasser ein und zischte dann in die Küche, drei Löffel löslicher Kaffee, zwei Süßstoff, heißes Wasser, vielleicht ein bisschen Kaffeeweißer und zurück in mein Zimmer. Inzwischen hat sich mein Zimmer ein wenig mit Wärme gefüllt, es war nicht mehr ganz so unerträglich. Ich schaltete mein Fernseher ein, dann die Wii, dann das Wiiboard, hielt in der Zwischenzeit meinen Kaffee fest, um mich daran zu wärmen, trank aber noch keinen Schluck, denn davor musste ich mich mit leerem Magen wiegen, Tradition, jeden Morgen, nach dem Zähneputzen, nach dem Urinieren, vor irgendeinem Bissen oder Schluck, nackt. Ich zog mir langsam aus, litt wegen der Kälte, alle meine Körperhärchen stiegen zu berge und ich muss gestehen, je weniger ich wog, um so stärker wurde dieser Flaum am ganzen Körper. Ich bekam dreifache Gänsehaut und als ich endlich nackt war, stieg ich auf die Waage. Davor diese paar Minuten bevor ich auf die Waage steige, diese paar Minuten, de meinen gnzen Tag bestimmen werden, diese paar Minuten, auf die ich einen ganzen Tag hinarbeite, sind wie ein Sprung vom zehnten Stock. Manchmal schloss ich die Augen als die Wii mich gemessen hat, ich stellte mir bildlich vor wie ich fiel, tiefer und tiefer. Erst als ich gehört habe, dass die Wii mich zuende gewogen hat, öffnete ich die Augen und entschied, ob ich den Sturz überlebt habe oder nicht. Ich überlebte, Morgen für Morgen, Tag für Tag, Kampf für Kampf, Sprung für Sprung. Mal fiel ich tiefer, manchmal weniger tiefer. Am schwierigsten ist es zu beschreiben, wie sich eine Magersüchtige fühlt, wenn sie noch ein Stück mehr abgenommen hat, wenn sie noch paar Gramm dem Tode näher gekommen ist. Man kann es kaum beschreiben. Es ist wie eine Droge, eine Sucht, jedoch keine körperliche Abhängigkeit. Dann, wenn man auf die Waage steigt und sieht, dass man paar hundert Gramm weniger wiegt, dann geht ein Feuerwerk im Kopf auf. Die Pupillen werden weiter, der Gang aufrechter, der Stolz größer, der Mut stärker, der Wille extremer, der Egoismus ist wie eine rosarote Brille. Alles wird ausgeblendet, ausgeschaltet, dir wird alles egal. Egal wie es der eigenen Familie geht, der eigenen Mutter oder ob der eigene kleine Bruder Probleme hat. Man braucht keine Freunde mehr, man braucht niemanden. Man kann nur noch sich selbst vertrauen, niemand soll mich beeinflussen können, nur ich selbst habe über mich die Kontrolle. Die Kontrolle darüber wie ich Aussehe, was ich esse und was ich mit meinem Körper anstelle. Irgendwann, kurz nachdem ich so tief gefallen bin, dass ich nicht mehr raus konnte, fing ich auch an mir selbst Schmerzen zuzubereiten.

18.10.14 13:23

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